Altenzimmer

Oma war wie ein Engel für uns.

Hinter der Guten Stube liegt das Altenzimmer.

Auf einem Bauernhof wohnten und arbeiteten mehrere Generationen zusammen.

Kinder, Eltern und Großeltern und manchmal auch Urgroßeltern.

Das war im Prinzip unser bäuerliches System der Altersabsicherung: Die Alten übergaben den Hof an eines der Kinder. Dieses konnte nun heiraten. Die Alten zogen auf’s Altenteil. Aber alles war ganz klar vertraglich geregelt. Hier im Archiv des Tuppenhof findet Ihr einige dieser alten Verträge.

Dies führte manchmal zu Spannungen, aber die Vorteile lagen auf der Hand:

Die Älteren konnten keine schwere körperliche Arbeit mehr ausüben. Sie unterstützten die Jüngeren, indem sie leichtere Arbeiten verrichteten.

Als die Gesundheit meiner Schwiegermutter Maria nicht mehr mitmachte, wurde dies hier kurzerhand zu ihrem Zimmer.

Sie war zwar noch klar im Kopf, aber die Beine wollten nicht mehr so.
Sie hatte überall „Ping“, wie man hier sagt, also Schmerzen. Auch meine Kräutertees konnten irgendwann nicht mehr helfen. Und auch kein Arzt.

Wenn sie einfach nur ihre Ruhe brauchte, konnte sie sich hierhin zurückziehen. Das ist ein idealer Ort für einen ausgiebigen Mittagsschlaf.

Die Schwiegermutter half uns, wo sie nur konnte: in der Küche beim Kartoffeln schälen; sie nähte Kleidungsstücke um oder besserte sie aus. Aber ganz viel half sie uns, wenn sie einfach nur auf die Kinder aufpasste, als wir raus aufs Feld mussten.

Wenn wir die Oma nicht gehabt hätten…

Aber wir sorgten auch für sie. Sie bekam regelmäßig ihr Essen, sie hatte es schön bequem und vor allem: Sie war immer bei uns in der Nähe.
Manchmal fragten wir sie auch einfach nur um Rat.
Und manchmal mussten wir ihr erklären, welche Veränderungen die Welt da draußen gerade durchmachte.

Sie konnte hier in Ruhe beten. Manchmal beteten wir gemeinsam mit ihr.

Und als es gar nicht mehr ging, hatten wir alle sie auf ihren letzten Tagen begleitet.
Immer schaute jemand von uns in ihrem Zimmer vorbei.

Es war für uns selbstverständlich, dass sie zuhause von uns gepflegt wurde.
Ich glaube, dass sie bis ganz zum Schluss dankbar war.

 
Bildquelle: Frank Ahlert